Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 52
Würzburg (Unterfranken)

Das Juliusspital in Würzburg

Überblick über den Baubestand
Das Juliusspital ist einer der ganz großen städtebaulichen Blöcke in Würzburg, eingerahmt von der Juliuspromenade, der Koellikerstraße, dem Franz-von-Rinecker-Weg  und der Klinikstraße. Es liegt nördlich der Altstadt parallel zur Außenkante des von der ersten mittelalterlichen Stadtmauer umschlossenen Fünfecks, außerhalb der inneren Altstadt innerhalb der nördlichen Stadtmauererweiterung. Die dreistöckige Straßenfront entlang der Juliuspromenade mißt stolze ca. 208 m, und nach hinten erstreckt sich das Gelände ca. 160 m in die Tiefe. Der Straßenflügel besitzt einen Mittelrisalit und zwei Eckrisaliten, an die die in die Tiefe gehenden Seitenflügel ansetzen. Alle Risalite sind mit einem Mansarddach versehen, um sie von den Satteldächern der Langflügel abzusetzen. In dieses große und vor allem breite Dreiflügelsystem ist als innere Struktur ein ca. 161 m breiter Parallelbau eingefügt, der mit kurzen Seitenflügeln zum straßenseitigen Flügel anschließt, seitlich jeweils einen kleinen Spalt freilassend. So entsteht ein Innenhof von ca. 130 m Breite und ca. 26 m Tiefe. Gestaffelt hinter dem Mittelrisalit des Straßenflügels steht der noch höhere Mittelrisalit des inneren Querflügels, und durch dessen Tordurchgang gelangt man entlang der Hauptachse in den 140 m breiten und 75 m tiefen Gartenbereich mit zentraler Brunnenanlage. Dieser Risalit ist noch ein Geschoß höher als die angrenzenden Trakte und trägt ebenfalls ein Mansarddach, sogar mit einem Dachreiter als höchstem Punkt der ganzen Anlage. Die dreistöckigen Seitenflügel besitzen zum Hof hin offene Arkaden im Erdgeschoß. Der Innenhof zwischen den beiden Querflügeln besitzt beiderseits der Mittelachse symmetrisch angelegte formale Gärten mit je einem Wasserbecken in der Mitte, das noch aus der Gründungszeit stammt. Eines dieser Becken ist achteckig, das andere in Vierpaßform. Der rückwärtige Garten ist hingegen parkartig mit alten Bäumen bewachsen. Rückwärtig ist der Gartenbereich von modernen Gebäuden umstanden, Erweiterungsbauten des Juliusspitals. Eine Besonderheit gibt es noch in diesem Gartenbereich: Dort steht seitlich an der Ostseite die sogenannte alte Anatomie, ein ca. 40 m langes Gebäude sehr eigenwilliger Konzeption.

Die Stiftung des Julius Echter von Mespelbrunn und der erste Spitalbau
Das Spital ist nach Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn benannt, weil dieser es aus seinem Privatvermögen gestiftet hat, neben der Universität (1582) seine bekannteste Stiftung. Beide Stiftungen standen im Dienste von innerer Erneuerung und Gegenreformation. Die Grundsteinlegung fand am 12.3.1576 durch den Stifter selbst statt, drei Jahre nach seiner Wahl zum Fürstbischof. Zuvor befanden sich auf dem Gelände Gärten, Lagerschuppen und ein jüdischer Friedhof. Als Baumeister wurde der aus Ypern stammende Georg (Joris) Robin (1522-1592) engagiert, seit 1575 Hofarchitekt des Erzbischofs von Mainz und einer der angesehensten Renaissance-Baumeister, und bis 1583 war die Anlage baulich fertiggestellt. Der Stiftungsbrief wurde am 12.3.1579 ausgestellt, und darin wurde die materielle Grundlage des Stifts mit Weinbergen, Äckern und Wäldern geregelt. Insbesondere wurden dem neuen Spital das verlassene Kloster HeiligenthaI bei Schweinfurt inkorporiert. Außerdem bekam das Spital die Güter des aufgelösten Augustiner-Chorherrenstiftes Birklingen bei Iphofen. Dazu kamen zahlreiche andere Güter und Einkünfte als Erstausstattung. Aktuell gehören der als gemeinnützig anerkannten Stiftung 180 ha Weinberge, 1050 ha landwirtschaftlich genutzte Fläche mit der Gutsverwaltung Seligenstadt und den dazugehörigen Betriebsteilen Rotkreuzhof und Jobsthalerhof und 3350 ha Wald im Gebiet der Vorrhön und des Spessarts. Es wurde im Stiftungsbrief auch geregelt, wer in den Genuß der Fürsorge kommen solle: Arme, Kranke, Bedürftige, Waisen und Pilger. Organisatorisch war das Spital in die drei gleichberechtigten Bereiche Krankenhaus, Pfründneranstalt und Waisenhaus aufgegliedert. Mit dem Waisenhaus verband Julius Echter eine Trivial- und Principistenschule. Bei der Pfründneranstalt wurde auch etwas ganz anders als bisher geregelt: Der sich im späten Mittelalter entwickelnde Mißbrauch des Einkaufens in die Pfründe wurde hier verboten. Vielmehr wurden die Pfründner nach Art eines Noviziates aufgenommen, und das Zusammenleben der Spitalinsassen war nach dem Vorbild eines klösterlichen Konventes geregelt. Am 10.7.1580 konnte der Neubau seiner Bestimmung übergeben und mit den ersten 21 Patienten eingeweiht werden. Die Spitalkirche (St. Kilian) wurde am 10.7.1580 vom Stifter selbst geweiht. Es wurde eine eigenständige Pfarrei.

Wie dieses erste Juliusspital ausgesehen hat, vermittelt uns heute nur noch ein Stich von Hans Leypold aus dem Jahre 1603 nach einem Gemälde von Henneberg, denn alle damals errichteten Gebäude sind mittlerweile verschwunden und ersetzt worden. Das Spital hatte den Charakter einer Vierflügelanlage auf einem damals innovativen queroblongen Grundplan. Die Straßenfront ging nicht durch, zwischen dem langen Quertrakt und den Seitenflügeln gab es durch Mauerstücke mit Nebenpforten verschlossene Baulücken. Vorhanden war bereits die Mittelachse mit der Tordurchfahrt in der Mittelachse des Vorderbaus. Sowohl in der Mitte des Vorderbaus als auch in der Mitte des Rückbaus erhob sich ein Turm. Im Erdgeschoß des mehrstöckigen Turms des Südflügels lag das Einfahrtstor. Im Südflügel gab es rechts und links des Turms je zehn Fensterachsen. Im rechten Teil lag die Kirche, die etwa 1/5 der ganzen Flügelbreite einnahm. Die anderen Bereiche enthielten die Spitalräume. Seitlich schloß der Südflügel mit zwei Volutengiebeln ab. Die Seitenflügel des Gevierts schlossen zur Juliuspromenade hin ebenfalls mit Volutengiebeln ab, und zum Hof hin besaßen sie je ein Portal im südlichen Abschnitt. Vorhanden war bereits die hofseitige Arkadenreihe des hinteren Querflügels. Dieser hintere Flügel enthielt eine Wohnung für Fürstbischof Julius Echter, der sich mehrere Wochen im Jahr hier aufhielt. Im Obergeschoß besaß dieser hintere Flügel einen offenen Gang mit bogenverbundener Säulengalerie und Brüstungen dazwischen. In der Mitte des Nordflügels lag der Fürstensaal, die sogenannte Hofkammer. Sie war höher als die seitlichen Abschnitte und besaß zum Hof hin einen Erker. Das Dach des Fürstenbaus besaß in jede Himmelsrichtung ein Zwerchhaus. Im Zentrum des Fürstenbaus stand ein Turm mit welscher Haube. Ebenso waren im Hof bereits die beiden Brunnen beiderseits der Mittelachse angelegt. Das Grundkonzept der geschlossenen Vierflügelanlage, die repräsentativen Fassaden, die Ausrichtung an der städtebaulichen Magistralen und der durch die Türme zum Ausdruck gebrachte Dominanzanspruch der Architektur läßt dieses alte Juliusspital einerseits wie eine Kreuzung aus Schloß und Kloster, andererseits in städtebaulicher Hinsicht wie ein Vorgriff auf Konzepte nach der Renaissance erscheinen. Es war zudem der erste wirklich moderne Hospitalbau Deutschlands. Es sollte aber auch erwähnt werden, daß sich Julius Echter bei den Kosten ziemlich verhoben hat: In den Jahren 1579-1583 wurden insgesamt 30320 fl. für Baukosten ausgegeben. Das Domkapitel ächzte bereits unter den Begleitkosten, die nicht aus der Privatschatulle des Fürstbischofs beglichen wurden, und nannte das Spital einen Wucherbau.

Abb.: Relief vom ersten Spitalbau im Durchgang des Fürstenbaus: Illustration der Gründung durch Julius Echter von Mespelbrunn.

Die Gründungstafel, die ursprünglich über dem Hauptportal als Propagandabild eingemauert war (wie auf dem Stich von Hans Leypold 1603 zu sehen ist), zeigt rechts den Stifter, im Gebet kniend mit zusammengelegten Handflächen, den Blick zum Himmel gerichtet. Seine Amtszeichen, Schwert und Krummstab, hat er vor sich auf den Boden abgelegt, dazu seine Handschuhe. Die wesentlichen Aufgaben seiner Stiftung werden durch mehrere kleine Szenen illustriert: Die Pilger sind an ihren Stäben mit Knöpfen am oberen Ende und der Verdickung im oberen Teil zu erkennen. Auf dem Schulterumhang und an der Mütze ist jeweils die Jakobsmuschel als Zeichen eines der wichtigsten Pilgerweges zu erkennen. Ein Stock zum Stützen und in Schlingen getragene Arme verweisen auf die hier geheilten Kranken. Darunter die Kinder, u. a. zwei Wickelkinder, sind die hier aufgenommenen Waisen. Auf der Fensterbank sitzt ein weiterer Mann mit amputiertem Unterschenkel und Arm in der Schlinge. Ganz links gibt ein gelehrter Mann mit Buch in der Hand Anweisungen mit erhobenem Zeigefinger am Krankenbett; vielleicht handelt es sich um einen Priester. Auf dem zweiten Bett mehr in der Mitte liegt ein älterer Mann, vermutlich ein Pfründner, der hier in seinem Lebensabend gepflegt wird. Im linken oberen Eck gibt es den himmlischen Beistand für das fromme Werk in Form von Gott Vater, Sohn und der Taube des Heiligen Geistes. Engel ziehen den Umhang von Gott Vater zur Seite. Zwei weitere Engel tragen eine geborstene Säule und ein Kreuz, vermutlich ein Hinweis auf die Tugenden Stärke und Glauben. Ein zweiteiliges Schriftband trägt den Wortlaut: "TIBI (DOMINE) DERELICT(VS) EST PAV(PER)" - "IN PRAECE PAVPERVM SPEM HABVI" - dir (o Herr) ist der Arme anvertraut. Ich setze meine Hoffnung auf das Gebet der Armen. Das ist ein Verweis auf Psalm 10,14: "Du siehst es ja, denn du schaust das Elend und den Jammer; es steht in deinen Händen. Die Armen befehlen es dir; du bist der Waisen Helfer". So war der Deal: Der Stifter sorgt für die Gott anvertrauten Armen, die Armen beten aus Dankbarkeit zu Gott für ihren Retter, und Gott ist dem Stifter gnädig. So wird dieses Relief zur steinernen Stiftungsurkunde. Das Relief ist eine Arbeit von Hans Rodlein. In der ursprünglichen Anbringung war über dieser Tafel der Wappenstein des Stifters angebracht.

Abb.: Spolie im Durchgang des Fürstenbaus: Wappen von Julius Echter von Mespelbrunn vom ersten Spitalbau.

Vom ursprünglichen Bau ist nicht mehr viel übrig geblieben. Genau genommen ist nur das oben beschrieben alte Stiftungsrelief vom ehemaligen Hauptportal erhalten und heute im Durchgang vom Innenhof zum Garten eingemauert. Dort ist auch ein altes Wappen des Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn eingemauert: Das Wappen ist geviert, Feld 1: "Fränkischer Rechen" = von Rot und Silber mit drei aufsteigenden Spitzen geteilt, Herzogtum zu Franken, Feld 2 und 3: in Blau ein silberner Schrägbalken, belegt mit drei blauen Ringen, Stammwappen der Echter von Mespelbrunn, Feld 4: "Rennfähnlein" = in Blau eine rot-silbern gevierte, an den beiden senkrechten Seiten je zweimal eingekerbte, schräggestellte Standarte mit goldenem Schaft, Hochstift Würzburg.

Zum Wappen werden drei Helme geführt: Helm 1 (Mitte): zu blau-silbernen Decken ein Paar blauer Büffelhörner, jeweils einwärts belegt mit einem silbernen Schrägbalken, der wiederum mit drei blauen Ringen belegt ist, Stammkleinod der Echter von Mespelbrunn, Helm 2 (rechts): zu rot-silbernen Decken ein Paar Büffelhörner, jeweils im Spitzenschnitt rot-silbern geteilt, Herzogtum zu Franken, Helm 3 (links): zu rot-silbernen Decken drei Straußenfedern in den Farben Silber, Rot und Blau zwischen zwei rot-silbern gevierten Standarten mit goldenem Schaft, Hochstift Würzburg. Hinter den Helmdecken ragt rechts das gestürzte Schwert für die weltliche Macht als Landesherr und Fürst, links der Krummstab für die geistliche Macht als Bischof hervor. Das Relief ist ohne Datierung.

Abb.: auf 1576 datierte Spolie im Durchgang des Fürstenbaus: Wappen von Julius Echter von Mespelbrunn, ehemaliger Türsturz.

 

Abb. links: Durchgangs-Pavillon im Osten des Nordflügels: Wappen von Julius Echter von Mespelbrunn, Holzschnitzerei.

Neue Aufgaben im Barock:
Unter Fürstbischof Johann Gottfried von Guttenberg bekam das Juliusspital neue Aufgaben zugewiesen. Zunächst übernahm es das Zucht- und Arbeitshaus. Dann wurde ihm 1686 das Almosenamt zugewiesen und mußte die kostenlose Brot-Stiftung für die Armen der Stadt einschließlich der unbegüterten Studenten leisten. Nicht nur kranke, sondern auch alternde Priester wurden immer mehr standardmäßig im Juliusspital untergebracht. 1688 kam als weitere Aufgabe die Alimentierung für die wiedererrichtete Soldatenpflege hinzu. Heißt, das durch seine Güterausstattung gut dastehende Juliusspital wurde weiter geschröpft und mußte große Mengen Korn und Mehl zur allgemeinen Truppenversorgung liefern. Dazu mußte das Juliusspital mit jährlichen Geldzahlungen die Fakultäten der Würzburger Universität unterstützen. Und weil das ja absolut in die medizinischen Aufgaben des Spitals fiel, mußte es auch noch die Kosten für einen Landarzt und einen Landchirurgen tragen. Ein finanzielles Trotzpflaster gab es aber: Dem Juliusspital wurde eine weitgehende Abgabenfreiheit von Akzise, Waaggeld, Zoll und Subsidium charitativum gewährt.

Einerseits spiegelt diese Entwicklung wider, daß es dem Juliusspital wirtschaftlich sehr gut ging und dem Hochstift schlecht, und letzteres deckte auf diese Weise seine Begehrlichkeiten, indem es immer mehr kostspielige Aufgaben an das Spital delegierte. Andererseits entwickelte sich so das Juliusspital immer mehr zu einer umfassenden Sozialinstitution, das von der Wiege bis zur Bahre für alle Sozialfälle zuständig wurde, für alles, was es in der Gesellschaft an Fürsorgefällen abseits der Norm gab, bis hin zu einem staatswirtschaftlichen Funktionsträger. Damit erlangte das Juliusspital eine staatstragende soziale Bedeutung, durch die es die anderen Hospitäler wie das Bürgerspital und Schwesterstiftungen wie die Universität weit hinter sich ließ.

Unter späteren Fürstbischöfen kamen noch mehr Aufgaben hinzu: Das Juliusspital mußte abgedankte Hofbedienstete aufnehmen, hatte für das Personal anderer städtischer Pflegen aufzukommen und mußte an bedürftige Arme umsonst Arzneien austeilen, und das Spital wurde immer mehr in das Schulwesen eingebunden. Oder ein anderes Beispiel: Traditionell waren Geisteskranke aus Würzburg in das Bürgerspital aufzunehmen. Nun sollte auf einmal das Juliusspital als Neuerung geistig Behinderte aus allen Landspitälern zusammenführen und aufnehmen. Alles das waren eigentlich landesherrliche Aufgaben, die aus Bequemlichkeit an das wohlhabende Stift abgegeben wurden und so in summa zu einer außerordentlichen Personal- und Finanzlast für dasselbe führte.

Oder drücken wir es so aus: Für die barocken Fürstbischöfe war das materiell gut ausgestattete Juliusspital eine willkommene Milchkuh, die man durch geschickte Verschiebung von sozialen Aufgaben melken konnte, um sein eigenes Geld woanders ausgeben zu können. Der landesherrliche Haushalt wurde durch das Delegieren unangenehmer und kostspieliger Fürsorge-Verpflichtungen an das Juliusspital entlastet, und das im Prinzip wohlhabende Spital, das sich aufgrund seiner Verfassung nicht gegen diese Ausgabenüberstellung wehren konnte, wurde im Gegenzug bis zur Schmerzgrenze belastet, während die landesherrliche Kasse für andere Ziele geschont wurde. Und das Juliusspital wuchs währenddessen immer mehr in eine umfassende gesellschaftlich-sozialwirtschaftliche Monopolstellung hinein.

Neubau im Barock durch Joseph Greissing:
In der beschriebenen Form bestand das Spital bis zu seinem Brand 1699, der den gesamten Nordflügel vernichtete und weitere Gebäude unbrauchbar machte. Danach wurde der großzügig konzipierte und weitläufige Nordflügel mit dem zentralem Fürstenbau und den Arkaden zum Innenhof unter Fürstbischof Johann Philipp II. von Greiffenclau-Vollraths (reg. 1699-1719) als Ersatz für den zerstörten Vorgängerbau errichtet, alles im Stil des Hochbarocks. Die Baumeister waren Joseph Greissing und anfangs in der Planungsphase auch noch Antonio Petrini. Endgültig abgesegnet wurden die Baupläne erst nach Petrinis Tod am 8.4.1701. Die Bauzeit ist 1702-1714. Der Auftrag war der Beginn einer äußerst fruchrbaren Zusammenarbeit zwischen dem baufreudigen, zu Baubeginn noch nicht lange regierenden Fürstbischof und dem Baumeister Greissing, der von da an zahlreiche Aufträge für öffentliche Großprojekte erhielt. Der erst kurz vorher in die Stadt Würzburg gekommene Joseph Greissing und Greiffenclau bildeten ein genauso fruchtbares Traum-Team zur Verschönerung Unterfrankens wie später Balthasar Neumann und die Schönbornbischöfe. Auch wenn am Anfang der erfahrene, aber alternde Petrini, der seit Jahrzehnten erste Wahl bei Bauaufträgen des Hochstifts war, die Oberbauleitung innehatte, war Greissing von Anfang an mehr als nur ein Anhängsel Petrinis. Er fertigte selbständig Risse an, er bezog ein der Höhe nach vollständiges Baumeister-Gehalt und er wird in den Dokumenten klar als "Baumeister" benannt. Das Verhältnis der beiden Architekten war gut, und der Formenkanon deutet auf eine Lehrer-Schüler-Beziehung hin. Greissing war aber so wenig Ausführungsorgan von Petrini wie später Balthasar Neumann bei der Residenz Ausführungsorgan von Dientzenhofer war - beiden wurde einfach ein erfahrener Baumeister zur Seite gestellt, um ein Auge auf den ideenreichen Jungspund zu haben. In der Tat gibt es viele Parallelen beim Karrierebeginn der beiden Baumeister. Deutlich ist auch die klare "Parteibildung" - für Greiffenclau war Greissing immer der bevorzugte Baumeister, dem er, obwohl neu in der Stadt, ein enormes Vertrauen entgegenbrachte, und er hätte nie einen Baumeister beauftragt, der genauso eng mit den konkurrierenden Familie der von Schönborn verbunden war. Nach dem Tod des Lehrers wurde Greissing jedenfalls allein verantwortlich für die begonnenen Bauprojekte. Und erst nach Petrinis Tod wurde 1702 der ausgebrannte Fürstenbau vollständig abgerissen. Deshalb ist die Urheberschaft des Fürstenbaus klar bei Greissing zu verorten, und umgekehrt wurde die Vollendung des Fürstenbaus zu Greissings Eintrittskarte in eine äußerst fruchtbare Zusammenarbeit mit diesem Fürstbischof.

Greissing bringt im neuen Fürstenbau im Vergleich zur Architektur Petrinis eine eigene Note ins Spiel. Die Linienstrenge und plastische Durchbildung der Fassaden weicht einem neuen Architekturverständnis: Der Grund wird mehr flächig verstanden, und perspektivische Rafinessen schaffen die Tiefe in der Wahrnehmung. Die Gestaltung wird aufgelockerter, fröhlicher und dekorierter. Dafür treten z. B. Risalite nur schwach hervor, und statt Lust an der Tiefenstaffelung erobert Liebe zum exzellenten Detail die Fassade. Der Mittelrisalit wurde beim Neubau stark aufgewertet: Er bekam ein zusätzliches Mezzaningeschoß und schloß oben mit einer Balustrade vor dem Mansarddach ab. Der Name Fürstenbau spiegelt nicht nur die Position des Auftraggebers wider, sondern auch die zeitweilige Nutzung als Stadtresidenz, weil das Problem Stadtschloß nicht gelöst war bzw. die Lösung am Rennweg aufgrund der Baugrundmängel nicht bewohnbar war. Dennoch sind längere Perioden einer Residenzhaltung im Juliusspital nicht nachweisbar; es blieb bei einer sporadischen Nutzung. Innen wurden die Fürstenzimmer ab 1706 von Melchior Steidl aus Innsbruck ausgemalt. Weitere beteiligte Künstler waren Ignaz Schüler (Baumeister), Balthasar Esterbauer (Bildhauer), Tobias Ungleich (Bildhauer), Pietro Magno (Hofstuckateur), Franz Hardt (Tünchnermeister und Stuckateur), Erhard Markart und Michael Markart.

Abb.: Nordflügel des Juliusspitals mit dem Fürstenbau in der Mitte.

Der Fürstenbau ist klar und regelmäßig gegliedert. Vier Kolossalpilaster teilen die Fassade in drei gleich breite Abschnitte zu je drei Fensterachsen ein. Im Erdgeschoß besitzt jeder Abschnitt eine Arkade, nur die mittlere führt in die Tordurchfahrt nach hinten in den Park. Die beiden Hauptgeschosse werden durch die Pilaster zusammengefaßt. Alle Fenster tragen Giebelverdachungen, wobei in Gruppen zu je drei Fenstern Segmentbogengiebel und Dreiecksgiebel abwechseln. Im Attikageschoß gibt es in jedem Abschnitt drei querrechteckige Fenster, nur in der Mittelachse ist anstelle des mittleren Fensters ein großes Wappen angebracht. Die oben abschließende Balustrade besitzt auf den vier Sockeln in Verlängerung der Pilaster Figuren und auf den Sockeln dazwischen Vasen. In der Mittelachse trägt ein Aufsatz eine Uhr, dahinter erhebt sich der Dachreiter.

Abb.: Fürstenbau, Südseite

Abb.: Wappen von Julius Echter von Mespelbrunn im Mezzaningeschoß des Fürstenbaus, Südseite.

Beide Fassaden, Vorder- und Rückseite (Süd- und Nordseite) tragen jeweils zwei Wappensteine, das über dem Portal ist jeweils das des Bauherrn der Erneuerung, das im Mezzaningeschoß dasjenige des Gründers. So hielt der Erneuerer die Erinnerung an den Gründer lebendig, wobei das des Gründers eigentlich oben den ehrenvolleren Platz bekommt. Die beiden Wappen spiegeln auch die heraldischen Gepflogenheiten der jeweiligen Zeit wider, so wird das Wappen von Julius Echter von Mespelbrunn mit allen drei Helmen dargestellt, wie es in der Renaissance üblich war, während das Wappen von Johann Philipp von Greiffenclau ohne Oberwappen, aber mit Fürstenhut dargestellt wird, wie es im Barock üblich war.

Abb.: Wappen von Julius Echter von Mespelbrunn im Mezzaningeschoß des Fürstenbaus, Südseite.

Der Wappenschild des Echter-Wappens ist von einem Muschelornament unterlegt. Schwert und Krummstab sind außen neben den Kleinoden zu sehen; an beide klammert sich jeweils ein Putto. Girlanden fassen das Wappen unten ein. Seitlich stehen zwei männliche Figuren, die aber nicht den fürstbischöflichen Schild, sondern eigene, inhaltsfreie ovale Schildkartuschen in barockem Stil halten. Trotz Darstellung der drei Helme sind die Zierformen hochbarock. Um eine harmonischere Gesamtwirkung und eine Außenlinie ohne Brüche zu erhalten, ist der mittlere Helm samt der Zier in größeren Proportionen dargestellt als die beiden seitlichen Helme und Kleinode.

Abb.: Wappen von Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths über der Durchfahrt des Fürstenbaus, Südseite, ältere Aufnahme.

Der Wappenschild des Fürstbischofs Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths ist geviert, Feld 1: "Fränkischer Rechen" = von Rot und Silber mit drei aufsteigenden Spitzen geteilt, Herzogtum zu Franken, Feld 2 und 3: von Greiffenclau-Vollraths, erneut geviert, Feld a und d: silbern-blau geteilt, darüber ein goldenes Glevenrad, Stammwappen der von Greiffenclau-Vollraths, Feld b und c: in Schwarz ein silberner Schräglinksbalken, Ippelbrunn (Eppelborn), Feld 4: "Rennfähnlein" = in Blau eine (von der Stange aus gesehen) rot-silbern gevierte, schräggestellte und an den beiden senkrechten Seiten je zweimal eingekerbte Standarte mit goldenem Schaft, Hochstift Würzburg. Die Kartusche wird vom Fürstenhut überhöht.

Abb.: Wappen über der Durchfahrt des Fürstenbaus, Südseite, neuerdings mit Anti-Luftratten-Netz.

Abb.: Detail der Durchfahrt des Fürstenbaus, Südseite.

Abb.: Wappen von Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths über der Durchfahrt des Fürstenbaus, Südseite.

Die aufwendig und prachtvoll eingefaßte Kartusche trägt nur den Fürstenhut, die beiden Amtszeichen des Fürstbischofs sind weiter außen in der Komposition zu finden: Über den beiden Putten, die das hinter dem Wappen gespannte Tuch zur Seite raffen, ragen zwei Greifen in die Höhe, die das Schwert und den Krummstab halten. Beide sind so geschickt neben den Fenstergewänden positioniert, daß sie die Aussicht aus demselben nicht beeinträchtigen.

Abb.: Wappen von Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths über der Durchfahrt des Fürstenbaus, Nordseite.

Abb.: Wappen von Julius Echter von Mespelbrunn im Mezzaningeschoß des Fürstenbaus, Nordseite.

Abb.: Wappen von Julius Echter von Mespelbrunn im Mezzaningeschoß des Fürstenbaus, Nordseite.

Abb.: Wappen von Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths über der Durchfahrt des Fürstenbaus, Nordseite.

Johann Philipp von Greiffenclau ließ auch den administrativen Personalstand erweitern: Es wurde eine zweite Planstelle für einen weiteren Kaplan geschaffen, und in der Verwaltung wurde der Personalstand auf sechs Kanzlisten aufgestockt.

Beim Brand 1699 wurde auch die alte Apotheke aus dem Jahr 1683 zerstört. Erst 1760-1765 wurde sie im Stil des Rokoko wieder eingerichtet. Die historischen Apothekenräume mit der vollständig erhaltenen Einrichtung sind im Rahmen von Führungen zugänglich. Bedeutende Künstler hatten an der Einrichtung mitgewirkt: Die Arzneischränke mit Lindenholzfiguren der vier Jahreszeiten sind eine Arbeit von Johann Peter Wagner; der schmiedeeiserne Rezepturaufsatz stammt von Johann Georg Oegg, der Rocaille-Stuck an Decken und Fensters ist eine Arbeit von Antonio Giuseppe Bossi, und die Ausmalung mit Fresken stammt von Andreas Thalheimer. Dargestellt sind auf letzteren Allegorien der vier Elemente.

Neubauten in klassizistischer Zeit
Eine weitere Veränderung der Bausubstanz gab es in klassizistischer Zeit, dabei wurde der komplette straßenseitige Vorderflügel 1785-1793 durch einen Neubau ersetzt, der breiter wurde als die bisherigen Ausdehnungen und daher auch neue Seitenflügel nach hinten bekam. Die Pläne dazu stammten von Heinrich Alois Geigel. An den Stifter wurde durch die Anbringung des Wappens des Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn mit den oben beschriebenen Inhalten gedacht. Die Stiftung Juliusspital verwendet nach wie vor selbst das Wappen des Stifters. Auch in den anderen Bereichen gab es klassizistische Veränderungen, dabei wurden 1788-1789 die von Melchior Steidl geschaffenen Ausmalungen in den Fürstenzimmern beseitigt.

 

Abb. links: Hauptachse des Südflügels. Abb. rechts: Wappen von Julius Echter von Mespelbrunn über dem Südflügelportal.

Park und Vierströmebrunnen
Ursprünglich ließ Fürstbischof Julius Echter 1597 einen Arzneipflanzengarten anlegen zur Versorgung der hauseigenen Apotheke. Unter Johann Philipp von Greiffenclau wurde weiterhin ein formaler Garten im französischen Stil angelegt, der als Hofgarten bei Festivitäten genutzt wurde. Ein Bereich wurde im 18. Jh. als Botanischer Garten angelegt, zuerst von Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn. Für den vergrößerten Hortus botanicus wurde 1721 erstmals ein Ordinarius für Botanik angestellt. Der Garten diente der medizinischen Ausbildung. Ein erstes gedrucktes Pflanzenverzeichnis wurde 1722 erstellt. Friedrich Karl von Schönborn-Buchheim förderte den Garten, der dann unter Franz Ludwig von Erthal 1788 vergrößert wurde. In der Folgezeit wandelte sich der Bereich immer mehr zum Park. Der alte Baumbestand enthält zahlreiche Exoten. In der Mitte des Parks befindet sich der unter Fürstbischof Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths im Jahre 1708 vom Hofbildhauer Jacob van der Auwera geschaffene Vierströmebrunnen (auch Greifenbrunnen oder Auwerabrunnen genannt), der für den formalen Barockgarten geschaffen wurde.

Abb.: Vierströmebrunnen im Park

Das in den Boden eingetiefte, vierpaßförmige Becken besitzt vier Ausbuchtungen, und auf jeder der Seiten der zentralen Skulptur dient ein Delphin als Wasserspeier. Dazwischen versinnbildlichen allegorische Darstellungen die vier fränkischen Flüsse Main, Saale, Sinn und Tauber auf den paarig angeordneten Kreuzarmen des Brunnenstocks. In der Mitte ragt als Mittelvertikale auf einem weiteren Delphin ein Greif empor, das als Schildhalter verwendete Wappentier der fürstbischöflichen Familie, und in seinen Klauen hält er einen Wappenschild des Fürstbischofs wie oben beschrieben. Das Vorratsbecken zur Speisung dieses Brunnens lag im nördlichen Turm des Gartenpavillons.

 

Abb.: Wappen von Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths am Vierströmebrunnen.

Abb.: Vierströmebrunnen im Park, Detail

Der Gartenpavillon
Das eigenwilligste Gebäude auf dem Gelände ist die sogenannte Alte Anatomie. Hier stand früher einmal die Ellenmühle. Dann ließ sich Fürstbischof Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths 1705-1714 ein Sommerschlößchen errichten und engagierte dafür den Architekten und Hofbaumeister Joseph Greissing (9.1.1664-12.12.1721), der auch den Nordflügel, die Neumünsterkirche, den Rückermainhof und das Priesterseminar für den gleichen Auftraggeber geschaffen hatte. 1704 lieferte er den Riß zum Gebäude; zu der Zeit war das Juliusspital selbst noch in Bau. Es entstand ein phantasievoller, langgestreckter, eingeschossiger Bau mit geschweiftem Mansardwalmdach; an den Enden erheben sich zwei "Türme" mit rippenbesetzten, verschieferten Kuppeln auf den sich über die Dachfläche erhebenden Obergeschossen mit hoher Attika. Höchst innovativ für die damalige Zeit war die großzügige Rundung der freiliegenden Kanten der Turmgeschosse zwischen zwei Pilastern. Das Motiv, das an Lucas von Hildebrandt in der Wiener Architektur und an Borromini erinnert, war kurz zuvor an der Münchener Theatinerkirche eingeführt worden, und diese damals sehr moderne Gestaltung taucht hier zunächst an Türmen, in späteren Werken des Architekten auch an Gebäudeecken auf. In der Attika sind diese gerundeten Kanten noch zusätzlich kassettiert. Wir werden hier Zeuge des Ausprobierens damals ganz innovativer Gestaltungselemente. 1705 verwendet Greissing das Element beim Kirchturm in Wilhermsdorf. Ebenfalls 1704 tauchen solche abgerundeten Fassadenkanten auch am Dom zu Fulda auf, einem Werk von Johann Dientzenhofer.

Der Sinn dieses Gartenpavillons war, einen gartennahen Raum für Festlichkeiten zu schaffen, wenn der Fürstbischof im Juliusspital weilte, denn der Fürstenbau hatte keinen Gartensaal oder Sala terrena, also verlegte man die Aufgabe in ein ganz separates Gebäude. Der Spitalgarten diente als Hofgarten zu Repräsentationszwecken. Wie oben bereits erwähnt, diente der nördliche Turm als Wasserturm für den Betrieb des Vierströmebrunnens. Der südliche Turm war einfach nur ein symmetrisches Gegenstück, der außer seinem Dasein als ästhetisches Gleichgewicht keine weitere Aufgabe hatte. In der Mitte saß auf dem Dach einst eine Laterne mit welscher Haube, die aber im 19. Jh. entfernt wurde. Balthasar Esterbauer fertigte Statuen für die Dachlandschaft an. Tobias Ungleich schuf die fröhlichen Masken auf den Scheitelsteinen der drei Hauptarkaden. Interessant ist, daß wir hierbei eine Symmetrie insgesamt, aber eine Asymmetrie im Einzelnen sehen; das Stilmittel der paarigen Asymmetrie ist für diese Zeit ebenfalls innovativ und verweist bereits auf die Zeit nach dem Hochbarock. Das Mansarddach mit seiner starken Schweifung seiner Flächen ist ein weiteres für seine Zeit innovatives, eigentlich sogar spektakulär modernes und experimentelles Gestaltungselement. Es ist eines der frühesten Dächer dieser Art in Süddeutschland, das erste in Mainfranken sogar, und es verweist bereits auf die Wandlung der barocken Stilmittel zu jenen des Rokoko. Ein weiteres Dach dieses Typs sieht man an Schloß Veitshöchheim.

Der Mittelsaal war dreiachsig, die leicht nach Westen verschobenen Anbauten zweiachsig. Die Überleitung vom Mittelteil zu den an der Westfront vorspringenden Annexen erfolgt durh Schrägen mit Figurennischen, ein damals revolutionäres Konzept. An der östlichen Rückwand des Mittelsaales gab es zwei Grotten-Nischen mit Dekoration aus Kalktuff, Muscheln und Glasstücken. Diese Nischen traten außen als Konchen sichtbar hervor. Jacob van der Auwera lieferte sechs steinerne Skulpturen zur Dekoration dieses Saalhintergrundes. All das wurde bei späteren Umbauten entfernt. Mittelsaal und Annexe wurden von Johann Peter Seidler mit Stuck ausgestattet. Die Westwand des Mittelsaales bildete die Eingangs- und Schauseite, und hier befinden sich drei große Arkaden, deren mittlere von einem wappengeschmückten Giebel überhöht wird. Die Ost-West-Gartenachse läuft vom Vierströmebrunnen aus genau auf diese Front zu. Die Gestaltung der Saalrückwand und die großen Öffnungen auf der Vorderseite stellen beide Bauwerke eindeutig in Beziehung zueinander.

Somit ist dieser kleine Pavillon ein kunstgeschichtlich höchst interessantes Gebäude. Einerseits ist er ein typisch barockes Lustgebäude, das deutlich seine Einbindung in die Kultur der höfischen Festlichkeiten und in das Gesamtlayout des Gartenbereichs erkennen läßt. Andererseits ist es von außerordentlicher künstlerischer Qualität, sowohl hinsichtlich der damals vorhandenen qualitätvollen Bildhauerarbeiten als auch hinsichtlich der aufwendigen Zimmermannskunst der Dachlandschaft. Handwerkliche Meisterschaft und konzeptionelle Finessen vereinigen sich zu einer Architektur höchster Qualität und formen einen Bau, an dem damals hochmoderne, richtungsweisende Gestaltungselemente eingeführt wurden: Zur Zeit der Planung und der Erstellung 1704/1705 war dieser Bau absolut künstlerisch aufregend und neu.

Abb.: Gartensaalbau, alte Anatomie

Wenige Jahre nach dem Tod des Bauherrn wurde das Gebäude umgebaut und 1726-1853 als Anatomisches Institut zur Studentenausbildung und Forschung genutzt, daher der Name "Alte Anatomie". Immerhin war das Juliusspital von 1593 bis 1921 Klinikum der medizinischen Fakultät der Universität Würzburg. Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn hatte bereits den Umbau zum Theatrum Anatomicum geplant, und Christoph Franz von Hutten ließ ihn ausführen: Aus dem Festsaal wurde ein Hörsaal mit drei ansteigenden Galerien. Seit 1735 war ein Raum permanent zur Durchführung von Sektionen und für die Aufbewahrung von Präparaten reserviert. Hier lehrten und wirkten berühmte Ärzte wie Carl Caspar von Siebold (1736-1807, 1801 geadelt), Johann Georg Siebold (1767-1798), Johann Lucas Schönlein (1793-1864), Rudolf Albert von Koelliker (1817-1905, 1897 geadelt) und Rudolf Virchow (1821-1902). Der Bau wurde mehrfach verändert, nach Osten angebaut und später wieder rückgebaut. Eine der Veränderungen war die Beseitigung von zwei Nischen mit Grottenwerk an der Ostwand des Saales und deren Ersatz durch eine zentrale Arkade, wie sie auch die Westwand besitzt. Erst 1787 wurden die Figuren der Anatomen in den Fassadennischen von Würzburger Hofbildhauer Johann Peter Wagner (1730-1809) geschaffen. Im 18. und 19. Jh. kam es zu baulichen Erweiterungen.

Am 16.3.1945 wurde das Gebäude zerstört. Nach dem 1958 erfolgten Wiederaufbau in der ursprünglichen Form wird der Gartenpavillon als Saalbau für Feste, Konzerte und Tagungen genutzt. Beim Wiederaufbau wurde das äußerst aufwendige Dachwerk vorbildgetreu rekonstruiert samt den tief einschneidenden Holzgewölben. Eine Generalsanierung erfolgte 1995; dabei wurden auch die völlig zerstörten Stukkaturen im Inneren nach historischem Vorbild wiederhergestellt. Was aber heute fehlt, sind die einst zentral auf dem Dach vorhandene Laterne und sämtliche Statuen auf Dachebene, die einst Balthasar Esterbauer geschaffen hatte. 1788 ist auf einem Kupferstich noch die Laterne zu sehen, allerdings fehlte damals schon die bekrönende Statue.

Abb.: Gartensaalbau, alte Anatomie

Das Wappen des Bauherrn ist nach wie vor außen am Giebel zu sehen, inhaltlich wie oben beschrieben. Weitere Wappen sind im Inneren an der Stuckdecke, dort sind neben den vier Jahreszeiten Portraits und Wappen der Fürstbischöfe Julius Echter von Mespelbrunn und Johann Philipp von Greiffenclau zu sehen.

Abb.: Wappen von Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths am Gartensaalbau (alte Anatomie).

Das Juliusspital heute
Das am 16.3.1945 kriegszerstörte Juliusspital wurde bis 1955 wieder aufgebaut. Dabei kam es zu einer architektonischen Anpassung: Die bislang zweigeschossigen Flügel zwischen dem Mittelrisalit und den Eckrisaliten wurden 1950 um ein Stockwerk erhöht, so daß der heutige Eindruck nicht die ursprünglich lebhaftere Höhenstaffelung widergibt. Auch der Gartenpavillon wurde bis 1956/1958 wiederhergestellt, wobei Dach und Ausstattung rekonstruiert wurden.

Das elf medizinische Fachkliniken umfassende Krankenhaus, das den Großteil der Gebäude, unter anderem die großen parallelen Hauptflügel, nutzt, ist 350 Betten groß. Der Klinik-Hauptzugang liegt an der Koellikerstraße, und in den dortigen neuen Gebäuden (Gebäude an der Koellikerstraße mit den Bettenstationen 1995, Koellikerbau 2010) ist die Notaufnahme angesiedelt. Seit 2017 ist der Krankenhausbetrieb organisatorisch aus der Stiftung ausgegliedert, die nur noch als einer von drei Trägern auftritt, denn das Krankenhaus Juliusspital ist mit der Missioklinik zum Klinikum Würzburg-Mitte fusioniert. Die beiden anderen Träger des Fusionskrankenhauses sind das Missionsärztliche Institut Würzburg und der Verein Kinderklinik am Mönchberg e.V.  Im östlichsten Seitenflügel liegt die Palliativ-Akademie, denn das Juliusspital besitzt eine eigene Palliativstation. Außerhalb des beschriebenen Bereiches liegen im Norden das Kollegienhaus der Berufsfachschulen und das Parkhaus des Spitals. Und das außerhalb der Insula im Nordosten befindliche Seniorenstift im Eck Klinikstraße/Marcusstraße hat 150 Plätze.

Die Stiftung ist nach wie vor vielfältig aufgestellt, sie ist Weingut, Land- und Forstwirtschaftsbetrieb, Seniorenstift und Klinik zugleich. Das in der Zehntscheune angesiedelte Weingut ist mit 180 ha Anbaufläche immerhin das zweitgrößte in Deutschland, dazu ist es weltweit das größte Silvanerweingut. Die berühmte Lage Würzburger Stein gehört zu seinen Besitzungen, ebenso Escherndorfer Lump, Rödelseer Küchenmeister, Iphöfer Julius-Echter-Berg und Randersackerer Pfülben. Unter dem Fürstenbau liegt ein 250 m langer historischer Holzfaßkeller. Die Weinstuben befinden sich im östlichen Risalit des Langflügels entlang der Juliuspromenade, der Weinverkauf im West-Risalit. Mit den oben genannten Nutzflächen gehört die Stiftung heute zu den größten Landwirtschaftsbetrieben und zu den größten privatwirtschaftlichen Waldeigentümern in Bayern. Wenn wir gerade bei Superlativen sind: Die Stiftung Juliusspital ist der größte Zuckerrübenanbauer in Franken und der größte Saatgutvermehrungsbetrieb in Unterfranken. Die Stiftung betreibt außerdem noch ein Tagungszentrum auf dem Stiftungsgelände (Obergeschoß der Zehntscheune und Gartenpavillon) und seit 2011 das Hotel Vogelsburg bei Volkach, besitzt Immobilien (Wohn- und Gewerberäume, Parkhaus) und Liegenschaften und Firmen wie z. B. seit 2011 die an die Stiftung übertragene Firma Wellhöfer Treppen: Das Juliusspital ist in summa eines der größten Wirtschaftsunternehmen in Bayern.

Zur Übersicht ein Ausschnitt aus der Liste der Würzburger Fürstbischöfe:
Rudolf II. von Scherenberg 1466-1495
Lorenz von Bibra 1495-1519
Konrad II. von Thüngen 1519-1540
Konrad III. von Bibra 1540-1544
Melchior Zobel von Giebelstadt 1544-1558
Friedrich von Wirsberg 1558-1573
Julius Echter von Mespelbrunn 1573-1617
Johann Gottfried von Aschhausen 1617-1622
Philipp Adolf von Ehrenberg 1623-1631
Franz von Hatzfeld 1631-1642
Johann Philipp von Schönborn (desgl. Erzbischof von Mainz) 1642-1673
Johann Hartmann von Rosenbach 1673-1675
Peter Philipp von Dernbach (desgl. Bischof von Bamberg) 1675-1683
Konrad Wilhelm von Wernau 1683-1684
Johann Gottfried von Guttenberg 1684-1698
Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths 1699-1719
Johann Philipp Franz von Schönborn 1719-1724
Christoph Franz von Hutten 1724-1729
Friedrich Carl von Schönborn (desgl. Bischof von Bamberg) 1729-1746
Anselm Franz von Ingelheim 1746-1749
Karl Philipp von Greiffenclau-Vollraths 1749-1754
Adam Friedrich von Seinsheim (desgl. Bischof von Bamberg) 1755-1779

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.7978894,9.9314263,18.17z - https://www.google.de/maps/@49.7977464,9.9313871,217m/data=!3m1!1e3
Peter Kolb: Die Wappen der Würzburger Fürstbischöfe. Herausgegeben vom Bezirk Unterfranken, Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte e.V. und Würzburger Diözesangeschichtsverein. Würzburg, 1974. 192 Seiten.
Anton P. Rahrbach, Reichsritter in Mainfranken. Zu Wappen und Geschichte fränkischer Adelsfamilien. Bauer & Raspe Verlag - Die Siebmacherschen Wappenbücher, die Familienwappen deutscher Landschaften und Regionen, Band 2, 2003, ISBN 3-87947-113-4
Alfred Wendehorst: Das Bistum Würzburg 3, die Bischofsreihe von 1455 bis 1617 (= Germania Sacra N. F. 13), Berlin/New York 1978, Verlag: Walter de Gruyter GmbH & Co. KG: Berlin/New York, DOI:
https://doi.org/10.26015/adwdocs-86, ISBN: 978-3-11-007475-8 - online: https://rep.adw-goe.de/handle/11858/00-001S-0000-0003-16E3-3 - Download als pdf: https://rep.adw-goe.de/bitstream/handle/11858/00-001S-0000-0003-16E3-3/NF%2013%20Wendehorst%20W%c3%bcrzb.%20Bfsreihe%201455%e2%80%931617.pdf?sequence=1&isAllowed=y
Barbara Schock-Werner: Die Bauten im Fürstbistum Würzburg unter Julius Echter von Mespelbrunn 1573-1617, Struktur, Organisation, Finanzierung und künstlerische Bewertung, Regensburg u. a. 2005, S. 305-308
Winfried Romberg: Das Bistum Würzburg 8, die Würzburger Bischöfe von 1684 bis 1746 (= Germania Sacra. Dritte Folge 8), Berlin/Boston 2014, Verlag: Walter de Gruyter GmbH: Berlin/Boston, 648 S., DOI:
https://doi.org/10.26015/adwdocs-532, ISBN: 978-3-11-030537-1 - online: https://rep.adw-goe.de/handle/11858/00-001S-0000-0023-9A8C-9 - Download als pdf: https://rep.adw-goe.de/bitstream/handle/11858/00-001S-0000-0023-9A8C-9/3.F._8_Romberg_Bischoefe.pdf?sequence=1&isAllowed=y
Alfred  Wendehorst, Friedrich Merzbacher: Das Juliusspital in Würzburg, 2 Bände, Band 1: Kulturgeschichte, 256 S., Oberpflegamt der Stiftung Juliusspital Würzburg, Würzburg 1976, ISBN 3-933964-01-6, Band 2: Rechts- und Vermögensgeschichte, 350 S., Würzburg 1979, ISBN 3-933964-02-4.
Juliusspital im Würzburg-Wiki:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Juliusspital
Juliusspital bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Stiftung_Juliusspital_Würzburg
Webseite des Juliusspitals:
https://www.juliusspital.de/index.html
Josef Kern: Das Juliusspital in Würzburg, Verlag Juliusspital Würzburg, ISBN 3-933964-00-8
Brunnen am Juliusspital im Würzburg-Wiki:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Brunnen_am_Juliusspital
Gartenpavillon im Würzburg-Wiki:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Gartenpavillon_des_Juliusspitals
Zehntscheune im Würzburg-Wiki:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Zehntscheune_des_Juliusspitals
Vierströmebrunnen im Würzburg-Wiki:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Vierströmebrunnen
Julius Echter von Mespelbrunn, Fürstbischof von Würzburg (1573-1617), Gründer der Universität und des Juliusspitals. Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg aus Anlaß des 48. Deutschen Archivtages. Ausstellung und Katalog von Hatto Kallfelz, Ausstellungskataloge der bayerischen staatlichen Archive 7, 1973
Johannes Mack: Der Baumeister und Architekt Joseph Greissing, mainfränkischer Barock vor Balthasar Neumann, hrsg. von der Gesellschaft für fränkische Geschichte, VIII. Reihe: Quellen und Darstellungen zur fränkischen Kunstgeschichte, c/o Verlag PH. C. W. Schmidt, 1. Auflage 2009, 797 S., ISBN-10: 3866528167, ISBN-13: 978-3866528161, S. 145-149, 153-156, 606-607, 610

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